Hochwasser

Die Erinnerungen an das Hochwasser 2002 haben sich tief in das Gedächtnis der Einwohner*innen von Terezín und aller, die sich mit dem Ort verbunden fühlen, gebrannt. Damals stand die Stadt 1,50 Meter tief unter Wasser. Der jüdische Friedhof war noch schlimmer betroffen, im Krematorium stand das Wasser fast bis zur Decke. Für die Gedenkstätte gingen vielen Spuren der Ghetto- und Gestapogefängniszeit und Originaldekomunte verloren und auch das Frewilligenbüro wurde fast komplett zerstört.
Noch heute sind im Stadtbild viele Spuren der Katastrophe zu sehen – an der Bewältigung ihrer Folgen wird noch immer gearbeitet.

Seit ein par Tagen steht das Wasser in Elbe und Eger wieder extrem hoch und die alte Festungsstadt Terezín und mit ihr die Gedenkstätte drohen wieder von Wasser überflutet zu werden.
Viele Menschen, die sich um die Gedenkstätte sorgen, nehmen mit uns Freiwilligen Kontakt auf, um zu erfahren wie die Situation ist.
Wir wollen versuchen über diesen Blog unsere Kenntnisse über den Stand der Dinge mitzuteilen, auch wenn wir natürlich auch nur auf die wenigen Informationen aus den Medien und Gerüchte und Vermutungen von Kolleginnen und Kollegen zurückgreifen können.

Zuerst eine allgemeine Übersicht über die Situation:

Terezín hat aufgrund seine Festungsbauweise gewisse Vor- und Nachteile was den Schutz vor Hochwasser betrifft.
Zum einen ist die Stadt heute noch komplett von Mauern und tiefen Festungsgräben umgeben, die einen gewissen Schutz vor Wasser bieten. Allerdings besteht auch die Gefahr, dass Wasser durch die Kanalisation in die Stadt gelangen kann. Hinzukommt, dass Terezín in einer sehr tief liegenden Ebende gebaut wurde, um sie für Feinde weniger sichtbar zu machen, was aber aber natürlich zu einer besonders hohen Bedrohung durch Hochwasser führt.
Nach der Flut 2002 wurden verschiedene Maßnahmen ergriffen, um eine erneute Katastrophe zu verhindern. Zum einen wurde das alte Schleusensystem der Festung wieder rekonstruiert, welches im Hochwasserfall für etwas Entlastung sorgen kann. Allerdings wird dieses System gerade jetzt renoviert und ist deswegen nicht nutzbar.
An den fünf Festungseingängen wurde mit dem Bau von Ständern begonnen, in denen bei Hochwasser Schutzwände installiert werden können.
Soweit wir es wissen ist dieser Schutz jedoch nur an einigen Toren fertig. Die weiteren Eingänge müssen provisorisch gesichert werden.

Hier eine Übersicht über die bisherigen Ereignisse:

Sonntagabend:

Eigentlich war das Wochenende sehr gemütlich. Wir haben unsere Nachfolgerin Sophie etwas in das Kneipenleben Litos eingeführt und ansonsten sehr viel geschlafen und uns gar nicht mit dem Thema Hochwasser beschäftigt.
Am Sonntagabend bekamen wir dann noch Besuch von unserem Vorgänger Lukas und einer Bekannten von Jakob.
Die gemütliche Stimmung wird von einem Anruf unserer Chefin und der Anweisung, der für morgen angemeldeten Gruppe abzusagen, unterbrochen. Zu groß sei die Gefahr einer Evakuierung, oder gar Überfltung Terezíns.
Wir sind recht überrascht und beginnen erst dann zu bemerken wie ernst die Lage an der Elbe schon war.
Ab diesem Zeitpunkt verfolgen wir online die ständig steigenden Pegel von Elbe und Eger.

Montagmorgen:

Beim Frühstück erneut der Anruf unserer Chefin: das Freiwilligenbüro muss evakuiert werden.
Ab neun sind wir in Terezín und beginnen unser komplettes Büro auf den Dachboden zu verlegen. Die Stimmung ist noch recht gut. Es steht zwar schon etwas Wasser in den Festungsgräben, aber irgendwie können wir uns nicht recht vorstellen, dass Wasser in die Festung laufen könnte, zu hoch erscheinen die mächtigen Mauern und noch scheint ja Zeit zu sein die Eingänge zu sichern.
Da wir zu fünft sind, ist recht schnell alles aus unserem Büro in Sicherheit. Ein Vorteil der Flut ist , dass wir viele interessante Dinge in der verstaubten Ecken unseres Büros gefunden haben und beim Wiedereinräumen endlich mal grundlegend Ordnung machen könnten.
Auf der Suche nach einem Ort zum Mittagessen fällt dann schon auf, dass sich die Stimmung in der Stadt anspannt: die meisten Geschäfte und Restaurants bringen die Einrichtung der Erdgeschosse in Sicherheit, auch die ersten Sandsäcke werden bereit gehalten.
Während wir im letzten noch geöffneten Restaurant sitzen bekommen wir dann mit: Die komplette Stadt soll ab 14:00 Uhr geräumt werden.
Da wir noch zurück ins Büro gehen, um auch noch die letzten Möbel auf den Dachboden zu bringen verpassen wir die öffentlichen Evakuierungsbusse. Glücklicherweise fahren noch einige Autos von Terezín nach Litomerice, sodass wir nach Hause trampen können.
Auf dem Weg sehen wir schon: der Golfplatz in Terezín entwickelt sich zu einem einzigen großen See und auch die Situation an der Elbe in Litomerice schaut immer ernster aus.
Wir stellen uns auf ein par Tage zu Hause ein und versuchen anhand der Onlineinformationen abzuschätzen wie sich die Lage in Terezín entwickelt.

Dienstagmorgen:

Der Pegel der Elbe in Litmerice pendelt sich bei 6,80 Meter ein. Trotzdem scheint die Lage für Terezín ernster zu werden. Der Pegel der Eger wird nämlich weiter steigen, da ein Staudamm flussaufwärts nicht mehr Wasser halten können wird und durch eine Öffnung entlastet werden soll.
Eine Kollegin von uns geht davon aus, dass Terezín überflutet werden wird und das Wasser in einem Meter Höhe in der Stadt stehen wird.

Dienstagmittag:

Unten an der Elbe in Litomerice stehen einige Häuser mitten im Wasser.
Vom Kelch, dem Wahrzeichen Litomerices, bietet sich ein tragischer Anblick: Der Zusammenfluss von Eger und Elbe ist nicht mehr auszumachen, zwischen Litomerice und Terezín befindet sich ein riesiger See. Allerdings scheint Terezín noch deutlich höher als das Wasser zu liegen. Trotzdem scheinen die meisten Leute davon auszugehen, dass das Wasser die Stadt überfluten wird.

Dienstagnachmittag:

Telefonat mit einer Kollegin aus Terezín. Zufällig steht sie gerade an der Eger in Bohusovice, dem Ort vor Terezín. Sie ist sehr pessimistisch und geht davon aus, dass das Wasser sehr sicher in die Festung laufen wird. Es gebe zwar einige Optimisten, aber diese seien deutlich in der Unterzahl.
Auch ihr Freund, der in der Stadtverwaltung arbeitet geht davon aus, dass die Überflutung nicht zu verhindern sein wird.
Manche befürchten sogar, dass der Wasserstand in der Stadt fast so hoch wie 2002 sein wird.
Momentan seien zwar noch professionelle Hilfskräfte in der Stadt, die durch Sandsäcke und andere Maßnahmen versuchen, die nicht durch den festinstallierten Hochwasserschutz gesicherten Tore vor den Fluten zu schützten. Allerdings erschienen unserer Kollegin diese Maßnahmen nicht sehr hoffnungsvoll.
Auf recht aktuellen Fotos sind die Festungsgräben zwar noch nicht besonders hoch mit Wasser gefüllt, jedoch steigt der Pegel der Eger beständig weiter und bringt immer mehr Wasser in Richtung Terezín. Dort wo das Wasser eigentlich in die Elbe fließt befindet sich inzwischen ein riesiger See, der kaum noch Kapazität für das Wasser der Eger hat. Der Strom der Eger wird auch schon langsamer, sodass damit gerechnet werden muss dass sich die Eger nun bald noch mehr um Terezín verteilen wird und schließlich von allen Seiten in die Stadt fließen wird.

Wir werden berichten, wenn wir neue Informationen bekommen!

Wasserstandsentwicklung der Eger: http://www.pla.cz/portal/sap/cz/PC/Mereni.aspx?id=93&oid=5
Tageszeitung aus Litomerice mit einem Liveticker: http://litomericky.denik.cz/zpravy_region/voda_dest.html
Viele Fotos aus dem Kreis Litomerice: https://www.facebook.com/Litomericko24?fref=ts

Jakob, Niklas und Sophie


3 Antworten auf „Hochwasser“


  1. 1 Uwe Hobler 04. Juni 2013 um 21:30 Uhr

    Danke Niklas,für diesen aktuellen situationsbericht.ich wünsche euch Glück,dass alles schnell vorbei ist und allen Bewohnern dort, dass es nicht so schlimm wird, wie 2002!

  2. 2 karin Reinbacher-Fahrner 07. Juni 2013 um 10:55 Uhr

    Hallo Niklas,hallo Jakob

    durch Zufall bin ich auf der Suche nach Infos über das Hochwasser in Terezin und Lito auf deinen Blog gestossen, du hast den Bericht sehr informativ geschrieben, würde mich sehr interessieren wie es nach Dienstag weiterging, bzw. aktuell aussieht

    Karin

  1. 1 Hochwasser in Terezin | friedemann.wulff-woesten.de Pingback am 05. Juni 2013 um 21:03 Uhr
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