Bevor es losgeht

Das hier ist mein neuer Blog, auf dem ich über mein nächstes Jahr als ASF-Freiwilliger in der Gedenkstätte in Theresienstadt berichten werde.
Mein Name ist Niklas, ich bin 19 Jahre alt und habe gerade mein Abitur gemacht. Meine Abifächer waren Deutsch, Sowi, Mathe und Geschichte mündlich.
Im Winter habe ich mich für einen Friedensdienst mit der Organisation „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ (asf-ev.de) entschieden. Nach der Schule wollte ich sehr gerne ein Jahr etwas anderes machen, als direkt weiter zu lernen, oder was in unserem Bildungssystem oft als lernen bezeichnet wird: möglichst schnell, möglichst viel eingetrichtert bekommen, ohne nach links oder rechts zu schauen.
ASF schien mir eine tolle Möglichkeit zu sein ein Jahr etwas ganz neues zu erleben und viel über mich selbst und über andere Menschen zu lernen. Entscheidend war aber auch, dass die Projekte in denen man durch ASF arbeiten kann, sehr interessant finde. Ziel von ASF ist nämlich, jungen Deutschen die Möglichkeit zu geben in Projekten in Ländern zu arbeiten, die von Deutschland im zweiten Weltkrieg besetzt waren, oder mit Deutschland im Krieg lagen. So soll ein Beitrag zu Frieden und Völkerverständigung geleistet werden.
Man kann in verschiedenen Bereichen einen Dienst leisten. Altenarbeit, Sozialarbeit, politsche und historische Bildung. Für mich waren besonders die Projekte in der politischen Bildung spannend und ein Hauptgrund, dass ich mich für ein Jahr mit ASF entschieden habe. Wie der Name schon sagt, steht gewiss auch der Gedanke, Sühne zu leisten dahinter. Damit kann ich mich nicht so gut anfreunden. Viel mehr denke ich, dass jeder Mensch auf der Erde etwas für Frieden und Völkerverständigung tun, unabhängig von seiner Herkunft. Jedoch kann man vielleicht sagen, dass ich junger Deutscher soviel über die Shoa und das dritte Reich weiß und daher die Möglichkeit habe diese Geschehnisse aufzuarbeiten. Auf jeden Fall werde ich sicher noch viele spannende Diskussionen über diese Fragen durch mein ASF-Jahr haben. Unabhängig von der „Schuld- und Sühnefrage“ denke ich, dass es auf jeden Fall Sinn macht ein Jahr in einem solchen Projekt zu arbeiten, weil ich es unheimlich wichtig finde, dass über die Shoa aufgeklärt wird. Ich freue mich, dass ich in der Gedenkstädte Theresienstadt dazu einen Beitrag leisten kann. Wenn man es schafft, dass Besucher in so einer Gedenkstätte mehr als nur einen ,vielleicht sogar lästigen Teil, einer (Klassen-)fahrt zu sehen und darüber ins Grübeln kommen, wie das alles geschehen konnte und vielleicht Rückschlüsse auf ihr eigenes Handeln ziehen und sogar beginnen sich politisch zu engagieren, hat man unheimlich viel erreicht. Ich denke selbst wenn man solche Effekte nur für einen kleinen Teil der Besucher erzielen kann, meine Arbeit dort auf jeden Fall Sinn ergibt.
Ich hatte auch überlet ein FSJ in der dritten Welt zu machen, wo ja auch viele junge Menschen nach dem Abitur hingehen. Jedoch bin Ich mir nicht sicher, ob es wirklich Sinn macht ohne Vorbereitung Entwicklungshilfe zu leisten, eine Arbeit die sehr viel Fingerspitzengefühl und Kenntnisse benötigt und sonst schnell in der Wahrnehmung zu „wirliebenWeißenhelfeneuchArmen“. Auch habe ich von vielen Leuten gehört, dass ihre Sozialen Jahre in der dritten Welt sehr schlecht betreut waren und sie eigentlich gar keine Möglichkeit hatten irgendwas gutes zu tun. Nicht, dass man mich falsch versteht: Ich kann sehr gut verstehen, wenn Leute das spannend finden und habe auch Hochachtung davor, dass sie helfen wollen die Welt ein Stückweit zu verbessern. Naja insgesamt eine wirklich schwierige Frage, da ein FSJ in der dritten Welt sicher auch viele positive Facetten hat. Dieser Gedanke löst generell auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Entwicklungshilfe im allgemeinen aus. Und das gehört hier eigentlich auch garnicht hin.
Deswegen habe ich mich entschieden einen Friedensdienst in Europa mit ASF zu machen.
Mir war auch von Anfang an klar, dass ich unbedingt in dem Bereich der historisch-politischen Bildung arbeiten wollte. Irgendwie hatte ich eine relativ große Hemmschwelle vor der Arbeit mit Sozialschwächeren oder Menschen mit Behinderungen. Ich weiß, dass gerade deswegen diese Erfahrungen für mich sehr wertvoll wäre, wenn ich ein Jahr in diesem Bereich arbeiten würde.
Jedoch finde ich es schon seit Jahren unglaublich spannend mich mit der Geschichte zu beschäftigen und finde die Möglichkeit, selbst Wissen in diesem Bereich zu vermitteln und sogar selbst an Ausstellungen und Forschungen beteiligt zu sein sehr reizvoll. Nachdem ich jahrelang immer sehr gerne Museen und Austellungen als Besucher*Innen gesehen habe, habe ich nun die Möglichkeit „die Seite zu wechseln“. Außerdem bin ich schon seit Jahren politisch aktiv und habe auch schon in Minden mehrere Stadtführungen und Führungen durch Ausstellungen gemacht. Ich weiß also, dass mir solche Arbeit viel Spaß machen wird.
Nachdem ich mich also entschieden hatte, dass ich am liebsten in der historischen Arbeit also in Gedenkstätte, Museen und Archiven arbeiten wollte, stellte sich die Frage in welchem Land ich meinen Dienst am liebsten leisten wollte. Auf dem Auswahlseminar Anfang des Jahres gab es die Möglichkeit Erfahrungsberichte aus allen Projekten zu lesen. Dort kam ich zu dem Schluss, dass eigentlich das Projekt am wichtigsten ist und nicht das Land. Zwar hatte ich auch immer im Hinterkopf, dass es Sinn ergebe würde mein Englisch oder Französisch zu verbessern, jedoch denke ich, dass man in jeden Land spannende Erfahrungen machen kann und mir schien dass gerade in Frankreich und England die Projektberichte nicht so positiv klangen wie zum Beispiel aus Osteuropa oder den Niederlanden. Außerdem weiß ich auch durch mein Auslandsjahr in der 11. Klasse in Norwegen, dass das Land nicht so entscheidend für das Jahr ist. (Der Blog über mein Jahr in Norwegen: niklasinorge.blogsport.de soll auch lesenswert sein) Bei meiner ehrenamtlichen Arbeit bei meiner damaligen Austauschorganisation AFS (nicht aSf, macht mich momentan völlig fertig, hätte sich nicht einer einen anderen Namen geben können?!Aber wenn ihr Interesse an einem Schuljahr im Ausland habt ist ASF sehr zu empfehlen: afs.de) versuche ich immer wieder Leute, die für ein Jahr weggehen wollen, sich für exotische Länder zu interessieren, da für ein Auslandsjahr wirklich nicht wichtig ist, wo man es macht, sondern wie Familie und Umfeld sind und was man selbst draus macht.
Deswegen habe ich mir einen Ruck gegeben und gesagt, dass bestimmt ein Jahr in Tschechien oder Polen sehr spannend wäre, auch weil ich über diese Länder sehr wenig weiß. Ausschlaggebend war auch, dass es dort wirklich tolle Projektberichte zu gab. Besonders der Bericht über die Arbeit in der Gedenkstätte Theresienstadt klang wirklich toll.
Deswegen habe ich angegeben, dass ich am liebsten in die historische Bildung wollte und nach Polen, Tschechien, die Niederlande oder Belgien. Auf dem Bogen habe ich auch erwähnt, dass ich zum Beispiel Theresienstadt sehr toll fände.
Vermutlich, weil es auf meinem Bogen stand (auf dem man eigenlich keine Wünsche angeben sollte), bekam ich schon kurz nach dem Auswahlseminar, Ende Februar, folgende Mail:
„nachdem wir die Auswertungen aller Seminare abgeschlossen haben, freuen wir uns, dir heute eine feste Zusage geben zu können. Wir möchten dich für einen Friedensdienst ab September 2012 annehmen: Land: Tschechien, Ort: Terezin, Projekt: GS Terezin“ (Ich war irritiert, dass man keine Wünsche angeben sollte, diese dann aber berücksichtigt wurden?! :D )
Dort werde ich also für ein Jahr arbeiten. Meine Aufgabe wird es vor allem zu sein den Besuch deutscher Gruppen zu planen und durchzuführen. Außerdem werde ich auch für die Vermittlung von Zeitzeugengesprächen zuständig sein, darüber freue ich mich besonders, denn man wird nur noch sehr wenige Jahre die Möglichkeit haben mit Überlebenden der Shoa darüber zu sprechen und sogar vielleicht Freundschaft zu schließen.
Ich war natürlich sehr aufgeregt und habe mich erstmal genauer über Theresienstadt, aber auch die Umgebung und die Stadt Litoměřice, in der ich wohnen werde informiert.
Inzwischen habe ich auch Kontakt mit meinem Vorgänger in meinem Projekt und habe schon einiges erfahren können.
Insgesamt ist alleine schon die Vorbereitung auf ein solches Jahr sehr spannend.
Ich habe durchaus großen Respekt vor der Arbeit in dem Projekt. Es ist bestimmt eine große Belastung ein Jahr mit den Abgründen des menschlichen Handels konfrontiert zu sein und das in einer völlig neuen Umgebung mit unbekannten Menschen und unbekannter Sprache, die auch noch wirklich schwierig zu erlernen sein soll.
Trotzdem bin ich wirklich optimistisch für das Jahr. Ich muss mir eigentlich immer wieder selbst meine Erwartungen etwas dämpfen und sagen, dass es bestimmt auch harte Zeiten geben wird. Insgesamt bin ich also wirklich unheimlich auf mein Projekt, die Menschen, meine Mitbewohner (Ich werde in einer WG mit einem anderen Freiwilligen aus Österreich und einem Lehrer aus Deutschland wohnen), Litoměřice , Prag (Das nur 1 1/2 Stunden entfernt ist), tschechisch, Kultur, Essen, Freizeitmöglichkeiten, die anderen Freiwilligen und und und gespannt. (Ergänzung nach dem Korrekturlesen: Natürlich habe ich das Wort „gespannt“ vergessen…Ich finde es ist echt ein großes Problem der deutschen Sprache, dass sooft das bedeutungstragende Wort hinten steht. Man denkt sicher, wenn man den Satz hier liest, dass ich „unheimlich“ wäre. Das ist doch Quatsch. Ich hoffe dass ist im Tschechischen anders :D )

Ich hoffe ich konnte mit diesem ersten Eintrag einen kleinen Überblick über mich und meine Gefühle vor dem nächsten Jahr geben konnte, auch wenn der Beitrag etwas durcheinander ist, aber das wollte ich irgendwie alles loswerden…)
Über Kommentare und Nachfragen freue ich mich ganz besonders! :)


3 Antworten auf „Bevor es losgeht“


  1. 1 Marieke 31. Mai 2012 um 17:39 Uhr

    Lieber Niklas,
    das klingt alles sehr interessant und doch sehr vertraut :-)
    Du wirst sicher ein super Jahr haben. Wenn ich in Leipzig sein sollte komme ich sicher auf jeden Fall vorbei und wenn nicht versuche ich es trotzdem irgendwie!
    Beste Grüße
    Marieke

  2. 2 Jeannette 31. Mai 2012 um 21:12 Uhr

    Hey Niklas,
    ich finde es voll gut, dass du diesen Blog machst und uns alle auf dem Laufenden hältst.
    Ich denke, dass dieses Jahr bestimmt sehr aufregend und spannend, aber auch sehr anstrengend und schwierig wird. Erstmal Respekt, dass du sofort eine Zusage bekommen hast und diese Art von Auslandsjahr machst. Ich denke, ein Jahr im Namen des ASF ist auf jeden Fall einer der herausforderndsten Auslandsjahre und ich bin mir sicher, dass sie genau den richtigen für das Projekt gefunden haben.
    Du bist zwar noch ein paar Wochen hier, aber ich wünsche dir hiermit schonmal alles Gute im Voraus.
    (Du bist übrigens nicht „unheimlich“ ;D)

  3. 3 Annika 11. Juni 2012 um 12:18 Uhr

    Lieblings Bruder!
    Ein Schuljahr im Ausland macht man mit AFS nicht mit ASF….da hast du dich doch vertan ;-)
    Ich komm dich mal besuchen!

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