Was die Flut nach oben spült

Wenn mensch nun die Straße von Litomerice nach Terezin langfährt ist es extrem heiß. Der herrliche Anblick des satten blauen Himmels hinter den Kegelförmigen Hügel des böhmischen Mittelgebirges, die jeden Tag anders zu stehen scheinen, wird nur von einem satten Geruch nach faulen Wasser etwas gestört.
Das Hochwasser jedoch scheint sich zu schämen, dafür dass es so stinkt, und zieht sich langsam zurück in sein Flussbett.
Was bleibt hat, obwohl ich in Cesky Kopisty gesehen habe was ein Hochwasser eigentlich bedeutet, beinahe etwas fast verwunschenes.
Die vielen Inneneinrichtungen an den Straßen, die ganz wunderbaren altenn Feuerwehrautos, die gefühlt alle fünf Minuten an einem vorbei fahren. Es ist unglaublich, Tschechien muss das Land mit der größten Feuerwehrdichte der Welt sein!
Hinzu kommt die Wirkung des Hochwassers auf unser Büro gemacht hat. Welche Freude, Verzweiflung und lustigen Momente uns dieser Raum in den letzten Tagen gebracht hat.
Natürlich prägt jede Freiwilligengeneration diesen Ort. Die Überraschungseifiguren-hall-of-fame, das Foto des jungen Karel Gotts, die zahlreichen Plakate, das Foto aus dem WG-Garten bei der Beerdigung des Goldfisches …
Und auch, wenn Vorgänger behaupten das Büro auch schon mal gründlich aufgeräumt zu haben, müssen wir doch annehmen, dass einige Teile des Büros ausgeklammert wurden. Wenn wir ehrlich sind, dachten wir Anfangs auch wir könnten einige Ordner einfach wieder zurück ins Regal stellen, ohne länger reinzuschauen. Die alten Kisten und Mappen zogen uns dann immer mehr an und wie das mit Entscheidungen manchmal ist, fällt es nach dem ersten Schritt manchmal schwierig aufzuhören. So versunken wir mehr und mehr in Bergen aus Papier, Erinnerungen an längst vergangene Zeiten und veralteten Pädagogiken.
Begleitet von Ton-Steine-Scherben auf der „Gewalt – ohne mich“-Kasette von Anfang der 90er- ich habe echte Probleme mich zu erinnern wie mensch Kasetten abspielt – können wir uns auch durch alte Publikationen zum Thema Rechtsradikalismus informieren: Punkrocker verwenden ständig rechte Symbole und verbreiten auch ansonsten nur Chaos und Gewalt, „eine Gefährdung für unsere Jugend!“ Auch in diesem neuen Internet sollen die Rechten ja nun auch aktiv sein! Dazu müsste mensch erstmal wissen, was das überhaupt ist. Glücklicherweise finden wir eine Anleitung für dieses Internet! „Mit dem Begriff e-mail wird eine zweite unter InternetnutzerInnen beliebte Komponente des Internets gefasst: sie können elektronische Briefe versenden.“ (!)
Briefe finde wir auch, aus der Zeit der Einrichtung des Freiwilligenbüros, als die Computer und das ominöse Internet noch an der Grenze verzollt werden mussten und von 2002 als der brandneue Laptop zwei Wochen später in den Fluten versanken.
Alles sollte einen neuen Platz finden. Wohin mit dem degenartigen Artefakt, das in der Lade des Sofas von den drei Musketieren träumte, wissen wir auch noch dem Kampf nicht so recht. Gavrilo Principes Lebenserinnerungen finden sich neben der ersten Ausgabe des neuen Deutschlands wieder, während „Zigeuner heute“ sehr schnell einen Platz in der Papiertonne findet, nachdem es versuchte im unverbindlich, scheinbar philoziganisitschem (gibt es diesen Begriff?) uns über die verschiedenen „Berufe“ aufzuklären, die es bei diesem exotischen Völkchen gibt: Wahrsagerinnen, Musiker und Schmiede.
Eine Mein-Kampf-Aussgabe von 1930 mit Hochwasserschaden darf natürlich auch nicht fehlen, genauso wenig wie der Führer persönlich: auf einer grandiosen Geschichts-CD wird er pompös seinem Antagonisten Stalin gegenübergestellt. Wir erfahren einfach alles über ihn. Seine gar nicht leichte Kindheit, seine Liebe zu Eva Braun (Der Führer hatte nichts mit Leni Riefenstahl, nein und nochmals nein!) und natürlich über seine unzähligen Parallelen zu Stalin.
Nur der Holocaust hatte mit Hitlers Leben nichts zu tun.
Nun ja neben der größten Panzerschlacht der Menscheitsgeschichte kann mensch das ja mal vergessen…

Jakob, nach dem Lesen des Eintrages: „Und das soll das Ende sein? Du musst noch schreiben, dass jetzt alles schön ist!“
Ja, das stimmt. Unser Büro ist jetzt wirklich schick. Und nein, auch vorher war dort nicht nur Müll drin. Aber ein bisschen schon und das fand ich lustig.

Spendenaufrufe!

Menschen, die der Gedenkstätte Theresienstadt bei der Beseitigung der Flutschäden unterstützen möchten, finden hier Spendenaufrufe der Fördervereine für Theresienstadt.

Verein der Freunde und Förderer von Theresienstadt/Terezín e.V.

Niedersächsischer Verein zur Förderung von Theresienstadt/ Terezín e. V.

Vielen Dank! :)

Flutfotos der Gedenkstätte

Die Gedenkstätte hat auf facebook viele Bilder von der Flut hochgeladen.
Die kleine Festung hat es wohl doch schlimmer erwischt, als ich dachte:

https://www.facebook.com/media/set/?set=a.150564005131186.1073741840.117837838403803&type=3

Zurück im Büro

Nach über einer Woche unfreiwilligem Urlaub aufgrund der Flut konnten wir endlich wieder zurück in unser Büro.
Allerdings war heute morgen noch die Brücke zwischen Litomerice und Terezin für den normalen Verkehr gesperrt, sodass die Busse nicht fuhren und wir in herrlichem Sommerwetter zur Arbeit spazierten. Zwischen Litomerice und Terezin war fast alles schon trocken, die Schäden jedoch deutlich sichtbar. Der Golfplatz ist allerdings immer noch einige einzige große Seenfläche, wobei Ich mir hier doch die wenigsten Sorgen über die Finanzierung der Wiederherstellung mache… :

golfplatz

In Terezín sieht eigentlich alles aus wie immer, allerdings stehen die Gräben doch noch recht hoch unter Wasser:

schwarzgelb

Graben
An den dunklen Strichen an den Mauern kann mensch erkennen, wie hoch das Wasser stand.

Am Eingang aus Richtung Litomerice erinnert noch der provisorische Erddamm an die Flut, der nun von allen, die in die Stadt wollen, erklommen werden muss:

Damm

Im Büro erwartete uns ziemlich viel Arbeit. Wir könnten natürlich einfach alles zurück an seinen alten Platz stellen und so den Stress schnell hinter uns bringen. Aber wir haben uns doch dazu entschieden, diese einmalige Möglichkeit zu nutzen, um mal richtig auszusortieren und umzuräumen. Und so saßen wir den ganzen Tag über alten Ordnern und Büchern mit sehr spannenden bis merkwürdigen Inhalten.
Diese Arbeit wird wohl noch ein paar Tage in Anspruch nehmen.

Büro
Unser Büro

Auf dem Nachhauseweg schauten wir noch bei der Leichenhalle, die immer noch tief unter Wasser steht und dem jüdischen Friedhof vorbei, der wegen des Wassers nur aus der Ferne zu betrachten ist.

Leichenhalle
Die Leichenhalle. Weiter unten befindet sich eine kleine Ausstellung, die sich immer noch komplett unter Wasser befindet, obwohl das Wasser vor ein paar Tagen noch deutlich höher, bis fast unter die Decke stand.

Friedhof
Der jüdische Friedhof unter Wasser

Die Brücke zwischen Litomerice und Terezín scheint seit heute Nachmittag wieder geöffnet zu sein und so hoffen wir dass morgen wieder Busse fahren.

Fotos von der Flutkatastrophe

Eigentlich wollten wir den heutigen Sonntag erneut nutzen, um die Menschen in Cesky Kopisty zu unterstützen. Heute morgen wurde uns aber Bescheid gegeben, dass schon genügend Freiwillige im Dorf helfen und wir unsere Kräfte für das morgige Wiedereinräumen der Gedenkstätte sparen können. Deswegen nutze ich nun die Zeit endlich ein paar Bilder der vergangenen Woche hochzuladen.
Die ersten Bilder sind aktuell von gestern, die anderen vom Rest der Woche. Die Situation ist also aktuell nicht unbedingt so aus, wie auf den Bildern. (Zum Vergrößern einfach anklicken)

Über Fragen, Kommentare, Anregungen freuen wir uns übrigens sehr! :)

kleine Festung
Der Eingang der kleinen Festung. Durch die Flut kann mensch sich vorstellen, wie die alte Festung im Verteidigungsfall ausgesehen hätte. (Foto Uwe Hobler)

kleine Festung
Auf Hilfseinsatz in ceske kopisty, dem Nachbarort von Terezín, siehe letzter Eintrag. (Foto Uwe Hobler)

Spende
Übergabe eine Spende des Vereins der Bundestagsfraktion der Linken an den zweiten stellvertretenden Gedenkstättenvorsitzenden. Vielen Dank an die Abgeordneten für ihr schnelles Handeln! Ihr wart die Ersten! ;) (Foto Uwe Hobler)

Nach diesen aktuellen Bilder noch ein par Ältere von der Flut, die wir bisher nicht geschafft haben hochzuladen.

Büroaufdachboden
Unser evakuiertes Büro auf dem Dachboden der Magdeburger Kaserne.

SchwäneLito
Der scheinbar idyllische Teil der Flut: Schwäne im überfluteten Teil von Litomerice

FlutTurmLito1
Sicht vom Domturm über die Fläche zwischen Lito und Terezin, die sich fast komplett in einen riesigen See verwandelt hat. Auf der „Insel“ verschiedene Geschäfte, die unter Wasser stehen.

FlutTurmLito2
Blick vom Domturm auf die Elbbrücke in Litomerice




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